Wer in die Berge reist, merkt schnell: Atmen fühlt sich anders an. Schon bei moderaten Höhen wird man schneller müde, der Puls steigt, und die Leistungsfähigkeit sinkt. Der wichtigste Grund dafür ist einfach erklärt:
Mit zunehmender Höhe nimmt der Sauerstoff-Partialdruck ab.
Der prozentuale Anteil von Sauerstoff in der Luft (≈21 %) bleibt zwar gleich, jedoch wird der Luftdruck geringer. Dadurch befördert jeder Atemzug weniger Sauerstoff aus der Lunge ins Blut. Der Körper gerät in eine Hypoxie.
Wie gut jemand damit zurechtkommt, ist sehr individuell – weswegen es gut ist zu wissen, wie es um die jeweilige Höhenverträglichkeit bestellt ist.
Was passiert im Körper?
Sobald weniger Sauerstoff ankommt, reagiert der Organismus sofort:
- Atmung wird schneller und tiefer
- Herzfrequenz steigt
- der Blutdruck kann sich erhöhen
- langfristig bilden sich vermehrt roter Blutkörperchen
Diese Mechanismen sollen die Versorgung der Organe sichern. Sie funktionieren – aber nur bis zu einem gewissen Punkt.
Der Innsbrucker Höhenmediziner Martin Burtscher konnte in zahlreichen Untersuchungen zeigen, dass Menschen sehr unterschiedlich stark auf Hypoxie reagieren. Manche bleiben selbst in größeren Höhen stabil, andere entwickeln Beschwerden schon recht früh.
Wann wird es kritisch?
Ab etwa 2.500 m steigt das Risiko für die Akute Bergkrankheit (AMS).
Typische Symptome:
- Kopfschmerz
- Übelkeit
- Schwindel
- Müdigkeit
- Schlafstörungen
Steigt man weiter auf oder ignoriert Warnzeichen, können schwere, lebensbedrohende Verläufe entstehen, das sog. Hirn- oder Lungenödem.
Welche Faktoren beeinflussen die Höhenverträglichkeit positiv?
Gute Grundlagenausdauer
Ein leistungsfähiges Herz-Kreislauf-System kann den Sauerstoff besser transportieren.
Langsamer Aufstieg
Der Körper braucht Zeit zur Anpassung (Akklimatisation).
Vorherige Höhenerfahrung
Wer bereits oben war, reagiert oft ökonomischer.
Gezielte Vorbereitung
Rechtzeitig vor der Reise Training oder simulierte Hypoxie zur Gewöhnung an die Höhe.
Welche Faktoren wirken negativ?
Zu schneller Aufstieg
Der häufigste Auslöser für Probleme.
Große Schlafhöhenunterschiede
Nachts reagiert der Körper empfindlicher.
Infekte, Flüssigkeitsmangel, Alkohol
Vorerkrankungen von Herz oder Lunge
Eisenmangel/ Blutarmut
Ohne ausreichend Hämoglobin kann weniger Sauerstoff transportiert werden – selbst wenn genug eingeatmet wird.
Die Rolle der Genetik
Ein besonders spannender Punkt aus der modernen Höhenmedizin:
Ein Teil der Höhenverträglichkeit ist genetisch festgelegt.
In den Ausführungen zur Akklimatisation im Lehrbuch Alpin- und Höhenmedizin (Springer Verlag, 2015 : DOI 10.1007/978-3-7091-1833-7) wird betont, dass genetische Unterschiede erheblich beeinflussen, wie stark jemand auf Hypoxie reagiert. Manche Menschen ventilieren stärker, andere haben Vorteile im Gefäßsystem oder in der Sauerstoffbindung des Blutes.
Das bedeutet: Zwei gleich trainierte Personen können völlig unterschiedlich reagieren.
Eisen – oft unterschätzt
Für den Sauerstofftransport braucht der Körper:
- genügend rote Blutkörperchen
- ausreichend Hämoglobin
- gut gefüllte Eisenspeicher
Ist Eisen knapp, sinkt die Transportkapazität. In der Höhe fällt das viel schneller auf als im Flachland – Betroffene ermüden früher und haben ein höheres Risiko für Beschwerden.
Gerade vor Trekking- oder Expeditionsreisen kann es daher sinnvoll sein, wenn dein Arzt frühzeitig die O2-Aufnahme relevanten Blutparameter kontrolliert.
Kann man seine Höhenverträglichkeit testen?
Ja. Und das ist einer der spannendsten Ansätze aus der Forschung rund um Martin Burtscher und der Universität Innsbruck.
Dabei wird der Körper in einer sicheren Umgebung für 30 Minuten einer simulierten Höhe von 3800 m passiv ausgesetzt.
Gemessen werden unter anderem:
- Sauerstoffsättigung (SpO₂)
- Herzfrequenz
- Erholungszeit nach der Hypoxie
Aus diesen Daten lässt sich abschätzen, wie wahrscheinlich das Auftreten einer AMS ist.
Studien zeigen, dass Personen, deren Sauerstoffsättigung stark abfällt, häufiger Symptome entwickeln.
Was bringt dir das konkret?
Ein solcher Test hilft bei:
- der Reiseplanung
- der Notwendigkeit zusätzlicher Akklimatisation
- der individuellen Risikoeinschätzung
- der Entscheidung über Aufstiegsgeschwindigkeit
- jedem Tag am Berg
Er ersetzt zwar nicht die richtige Höhentaktik, liefert aber eine wertvolle Orientierung.
Fazit
Die Höhe wirkt auf jeden Menschen.
Aber wie stark, bestimmen viele Faktoren:
Genetik

Herz-Kreislauf-Leistung

Eisenstatus

Aufstiegsgeschwindigkeit

Verhalten am Berg
Wer sein persönliches Risiko kennt und dem Körper Zeit gibt, erhöht seine Chance auf eine sichere und erfolgreiche Tour deutlich.