low-carb und low-fat: Wer braucht das eigentlich?

Vor kurzem hat der änd (Ärztenachrichtendienst) ein Interview mit Dr. Schomaker geführt über „low carb / low fat“ geführt.

„low-carb und low-fat: Wer braucht das eigentlich?

Herr Dr. Schomaker, für wen sind Low Carb- und Low Fat-Diäten sinnvoll?
Low-Fat-Diäten machen gar keinen Sinn. Studien zeigen, dass kohlenhydratarme Ernährungsweisen einen wesentlich größeren Einfluss auf das Körpergewicht haben als fettarme. Sie sorgen für nachhaltigere Gewichtsverluste, sie werden besser beibehalten und haben auch im Hinblick auf die Vermeidung von Erkrankungen wie Diabetes oder Demenz bessere Effekte. Die Bildung der körpereigenen Fettdepots wird maßgeblich von Insulin gesteuert. Und das wird ausgeschüttet, wenn man Kohlenhydrate aufnimmt, nicht aber durch die Fettaufnahme.

Wem empfehlen Sie eine Low Carb-Diät?
Eine Low-Carb-Diät ist eine präventive Maßnahme zur Verhinderung der Lebensstill-Erkrankung Typ-2-Diabetes. Das ist ja mittlerweile eine globale Pandemie. Rund 20 Prozent der erwachsenen Europäer haben ein metabolisches Syndrom. Von diesen 20 Prozent entwickeln jährlich 8 Prozent einen Typ-2-Diabetes. Und das ist einfach eine Erkrankung des Kohlenhydrat-Stoffwechsels, ausgelöst durch übermäßigen Konsum von industriell verarbeiteten Kohlenhydraten, vor allem von raffiniertem Zucker, Fruktosesirup und von raffiniertem Weizenmehl. Die amerikanische FDA hat das ja auch im Jahr 2015 – endlich – in ihre Ernährungsleitlinien aufgenommen. Industriell verarbeitete Kohlenhydrate sollen demnach weniger als 10 Prozent der täglich aufgenommenen Energiemenge ausmachen. Diese Empfehlungen sind natürlich in Schlag ins Kontor der Lebensmittelindustrie. Denn die Nahrungsmittelkonzerne verdienen ihr Geld
hauptsächlich mit Kohlenhydraten. Niemand verdient Geld mit hochwertigen Fettsäuren, die man braucht, um einer Demenz vorzubeugen und das zentrale Nervensystem intakt zu halten. Niemand verdient Geld mit hochwertigen Aminosäuren, die man als Eiweißbaustein benötigt, um die Muskulatur zu erhalten. Der Eiweißmangel ist ja neben Bewegungsmangel ein Grund für Muskelverlust bei älteren Menschen mit nachfolgendem erhöhten Sturzrisiko und möglicher Pflegebedürftigkeit. Hochwertige Aminosäuren, die eine enge Verwandtschaft zu den Muskeleiweißen haben, sind in der Herstellung einfach teuer, gerade dann, wenn man sie ethisch vertretbar herstellen will, also ohne Kükenschreddern oder Treibnetzfischerei.

Erährung
Die Bausteine der Ernährung

Lassen Sie uns auf die medizinischen Aspekte zurückkommen. Was empfehlen Sie konkret zur Gewichtsreduktion?
Das Körpergewicht wird ja vor allem durch die Kalorienaufnahme und den Kalorienverbrauch bestimmt. Was viele nicht wissen: durch Sport kann man kein Gewicht reduzieren. Viele sagen ja „Jeder Gang macht schlank“, soll heißen: wenn ich viel trainiere, dann kann ich Gewicht reduzieren. Metaanalysen aus den vergangenen Jahren zeigen aber: ohne an der Ernährungsschraube zu drehen, funktioniert das nicht. Mit einer Kalorienrestriktion zu ungunsten der Kohlenhydrate – also Low Carb – schafft man sogar ohne Training eine Gewichtsreduktion von 9 bis 16 Kilo pro Jahr. Wenn man in die Einkaufskörbe guckt und das Kaufverhalten überwacht, mit einer App wie zum Beispiel „Food Database“, dann sieht man, gerade wenn man Einkaufskörbe von
übergewichtigen Menschen anguckt, dass die bereits zu Light-Produkten greifen und schon so unglaublich wenig Fett zu sich nehmen, dass die den Fettanteil gar nicht weiter reduzieren können. Die Hauptkalorienschwemme machen bei den Betroffenen die Kohlenhydrate aus. Die zu reduzieren, wäre daher gar kein Problem. Studien belegen, dass die Betroffen durch exzessives konsumieren von Low Fat-Produkten eher eine Gewichtszunahme erreichen, weil Low Fat meist mit High Carb einhergeht.

Wie sollte denn der Einkaufskorb aussehen? Was muss raus und was rein?
Man muss sagen: Low Carb hat viele Gesichter. Ich empfehle, wenig industriell verarbeitete Nahrungsmittel und vor allem viel Gemüse, viel Salat und Obst zu essen. Gemüse ist aufgrund des Anteils an Ballaststoffen, Vitaminen, sekundären Pflanzenstoffen und dem geringen Fruktosegehalt sicher höherwertiger einzustufen als Obst. Bei Obst sollte man zu fruktosearmen Sorten greifen. Bei den tierischen Eiweiß- und Fettressourcen sollte man auch darauf achten, dass sie möglichst wenig industriell verarbeitet sind. Diese Nahrungsmittel dürfen aber gerne den vollen Fettgehalt haben, also vollfette Milchprodukte wie Quark, Buttermilch, Kefir oder Naturjoghurt. Bei Fleisch, Fisch und Ei gilt: lokal und bio. Wer aufgrund von Übergewicht den Anteil der Kohlenhydrate in seiner Nahrung reduzieren will, sollte zunächst auf Süßigkeiten, Säfte, Schorlen und Limonaden verzichten. Als Zweites sollte man weniger Brot, Reis und Nudeln konsumieren. Kartoffeln sind mit einem Kohlenhydratanteil von 17 Prozent nicht so kritisch. Normales Brot hat einen Kohlenhydratanteil von ca. 50 Prozent. Da kann es Sinn
machen, auf so genanntes Eiweiß-Brot umzusteigen. Aber Eiweiß-Brote enthalten mehr Gluten, was ja für manche auch problematisch ist.

Sie sind ja auch Sportmediziner.Wie wirkt sich Kohlenhydratverzicht denn auf die sportliche Leistungsfähigkeit aus?
Wenn wir über beliebte Ausdauersportarten wie Radfahren, Joggen und Walken reden, dann muss man sagen: niedrigintensives, aerobes Ausdauertraining unter Kohlenhydratverzicht ist in den vergangenen Jahren populär geworden. Vor allem seitdem im Oktober 2014 der Arzt Arne Gabius beim Frankfurt Marathon die 42,2 Kilometer in weniger als 2 Stunden und 10 Minuten gelaufen war. 24 Jahre war kein deutscher Läufer schneller. Er hatte zuvor bis zu 255 Kilometer pro Woche unter einer kohlenhydratarmen Ernährung absolviert. Niedrigintensives aerobes Ausdauertraining lebt vom Fettstoffwechsel. Ein normgewichtiger Körper hat etwa 5 Kilo Fett. Damit kann ein Marathonläufer seine Laufgeschwindigkeit fünf Stunden lang aufrecht erhalten. Kohlenhydrate hat man nur 650 Gramm. Das reicht nur für 90 Minuten Marathongeschwindigkeit. Ziel des Trainings ist es, hohe Laufgeschwindigkeiten durch die Fettverbrennung abzudecken. Damit der Körper während des Laufens möglichst schnell in die Fettverbrennung kommt, sollten aber weder Laktat noch Insulin im Blut vorhanden sein. Beide hemmen die Fettverbrennung. Deswegen haben wir nun diesen Trend zu einem niedrigintensiven, aeroben Training, damit kein Laktat gebildet wird, bei gleichzeitiger Kohlenhydratverarmung. Das hat im
Training erhebliche leistungssteigernde Effekte. Für den Marathon selber, den Wettkampf, gilt allerdings nicht: Wahrscheinlich hat sich auch Arne Gabius drei Tage vor dem Marathon mit Haferflocken, Nudeln und Toastbroten vollgestopft. Stichwort: carbohydrate-loading für optimales Füllen der Kohlenhydrat-Depots.“

Fettstoffwechsel
ein sehr guter Fettstoffwechsel

 

Quelle: änd (Ärztenachrichtendienst), 6.8.16

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